FALL:
Bei Innenangriff kein Wasser
EREIGNIS
Ein Trupp ging in einem Gewerbebetrieb zur Brandbekämpfung im Innenangriff vor. Vor der Rauchgrenze wurde das Schlauchpaket geöffnet – in die vorgehende Leitung war ein Kugelhahn eingebaut, wie er bei manchen Feuerwehren verwendet wird, um die Leitung im Gebäude absperren und verlängern zu können. Beim Vorrücken in Richtung Brandraum blieb die Leitung an einer Ecke bzw. einem Hindernis hängen. Dabei wurde der Hebel des Kugelhahns unbeabsichtigt umgelegt und die Wasserversorgung des Trupps unterbrochen, ohne dass der Trupp dies zunächst bemerkte oder beabsichtigt hatte.
FACHKOMMENTAR
Die Konstruktion eines Kugelhahns ist die eigentliche Schwachstelle: Er lässt sich mit einer einzigen Viertelumdrehung des Hebels vollständig schließen. Der abstehende Hebel bietet eine große Angriffsfläche – bleibt er beim Nachziehen der Leitung an einer Kante, einem Türrahmen, Regal oder sonstigen Hindernis hängen, genügt der Zug an der Leitung, um ihn umzulegen. Genau das ist hier geschehen.
Begünstigende Faktoren:
Lage des Kugelhahns im Bewegungsbereich der Leitung: Der Kugelhahn wurde nicht an einer geschützten, definierten Position abgelegt oder fixiert, sondern wanderte mit der nachgezogenen Leitung durch den verwinkelten Gewerbebereich – dorthin, wo Kontakt mit Hindernissen unvermeidlich ist.
Einsatzumgebung: Gewerbebetriebe sind typischerweise unübersichtlich (Maschinen, Regale, Lagergut, verwinkelte Wege). Unter Nullsicht ist für den Trupp weder erkennbar, wo die Leitung hängenbleibt, noch in welcher Stellung sich der Hebel befindet.
Fehlende Rückmeldung: Der Wasserausfall wird erst am Strahlrohr bemerkt – im ungünstigsten Fall genau dann, wenn Wasser gebraucht wird. Zwischen dem unbemerkten Schließen und dem Erkennen liegt eine kritische Zeitspanne.
Der Wasserausfall am Strahlrohr ist im Innenangriff eine unmittelbar lebensbedrohliche Situation. Das Löschwasser ist zugleich Angriffs- und Schutzmittel: Ohne Wasser kann der Trupp weder eine Rauchgaszündung (Rollover, Flashover) niederschlagen noch sich den Rückzugsweg freikämpfen oder kühlen. Tritt der Ausfall im Brandraum oder bei plötzlicher Brandausbreitung ein, bleiben dem Trupp unter Umständen nur Sekunden. Zudem kostet die Fehlersuche durch Rückverfolgung der Leitung unter Nullsicht bis zum Kugelhahn Zeit und Atemluft. Dass es hier ohne Personenschaden abging, lag daran, dass der Ausfall rechtzeitig bemerkt und behoben werden konnte.
Wie hätte der Beinahe-Unfall verhindert werden können?
Nach dem TOP-Prinzip:
Technisch:
Verwendung von Absperrorganen, die gegen unbeabsichtigtes Betätigen gesichert sind: Kugelhähne mit verriegelbarem bzw. arretierbarem Hebel, mit klappbarem/anliegendem Hebel oder mit Totmann-ähnlicher Sicherung. Herkömmliche Kugelhähne mit frei abstehendem Hebel sind für die vorgehende Leitung nur bedingt geeignet.
Grundsätzliche Prüfung, ob der Kugelhahn an dieser Stelle erforderlich ist. Alternativ kann die Leitung am Verteiler abgesperrt und verlängert werden. Der Verteiler steht außerhalb des Gefahrenbereichs und wird dort besetzt bzw. beaufsichtigt.
Farbliche/taktile Kennzeichnung der Hebelstellung, damit die Stellung auch mit Handschuhen und bei schlechter Sicht ertastbar ist.
Organisatorisch:
Festlegung in der Standardeinsatzregel: Der Kugelhahn wird an einer definierten, geschützten Position abgelegt, wie etwa an der Rauchgrenze, in einer Nische oder abseits des Laufwegs und dort mit einer Bandschlinge o. Ä. an einem Geländer, einer Säule oder einer vergleichbaren festen Struktur fixiert. So kann die Leitung am Hindernis nicht den Hebel mitreißen, und der Trupp weiß im Störungsfall, wo das Absperrorgan zu finden ist.
Die Position des Kugelhahns wird dem Sicherheitstrupp bzw. der Atemschutzüberwachung mitgeteilt, damit im Notfall gezielt kontrolliert werden kann.
Beim Nachziehen der Leitung: Schlauchmanagement durch einen weiteren Trupp oder Truppmitglied (Leitung an Ecken führen, Kanten freihalten), gerade in verwinkelten Gewerbeobjekten.
Aufnahme des Szenarios „plötzlicher Wasserausfall im Innenangriff" in die Gefährdungsbeurteilung und die einsatztaktische Ausbildung, einschließlich des Verhaltens: Rückzug antreten, Leitung zurückverfolgen, Lage melden.
Personenbezogen:
Unterweisung und praktisches Training: Sensibilisierung dafür, dass ein Kugelhahn durch bloßen Leitungszug schließen kann, sowie Einüben der Fixierung mit Bandschlinge als festen Handlungsschritt beim Öffnen des Schlauchpakets.
Training des Notfallverhaltens bei Wasserausfall unter Nullsicht (Leitung als Rückzugsführung, Ertasten der Hebelstellung, Notfallmeldung).
Dieses Fallbeispiel beruht auf anonymen Schilderungen. Hier gegebene Handlungsempfehlungen befreien nicht von der Pflicht zur Beachtung der Unfallverhütungsvorschriften und des sicherheitstechnischen Regelwerks.